„Viele Wege führen nach Rom„. Diese Weisheit gilt auch in gewisser Weise für die Fahrt zum Hafen Willemdok in Antwerpen. In letzter Zeit konnte man viel Falsches im Internet über die Zufahrt zum Hafen lesen.
Wie es zurzeit damit bestellt ist, wollen wir uns jetzt mal genauer ansehen.
Zur Veranschaulichung unterscheiden wir zwei Niveaus:
Die Anreise nach Antwerpen
Der Zugang zum Hafen
Die Anreise
Grundsätzlich führen 3 Wasserwege nach Antwerpen.
Die Schelde – Westen: flussaufwärts von der Westerschelde kommend – Süden: flussabwärts von Gent kommend
Der Rijn-Schelde Kanal von Norden kommend (Volkerak)
Der Albert-Kanal von Osten kommend (Maas)
Vor der Fahrt ist es sinnvoll, sich über die aktuellen Verkehrsbedingungen zu informieren :
Schematische Darstellung: Zufahrt zum Hafen Willemdok
Die Schelde (I) – flussabwärts von Gent kommend
Üblich ist der Weg zum Hafen von der Schelde kommend durch die tiedenabhängige Katteldijkschleuse (1). Diese ist aber bis auf Weiteres wegen Renovierungsarbeiten gesperrt. Wenn sie funktionstüchtig ist, wird sie nur zu bestimmten Zeiten bedient. https://www.jachthavenantwerpen.be/kattendijksluis/. Es empfiehlt sich immer einen Tag vor der Fahrt dort anzurufen.
– flussaufwärts von der Westerschelde kommend (3). In diesem Falle führt der Weg über die Boudewijnssluis und anschliessend zunächst durch den Hafen von Antwerpen (siehe Beschreibung via Rijn-Schelde-Kanal (II).
Der Rijn-Schelde-Kanal (II)
Die Durchfahrt durch den Hafen ist reglementiert [egal ob man von der Schelde (I), dem Rijn-Schelde-Kanal (II) oder Albert-Kanal (III) kommt].
Wenn man sich an diese Regeln hält und aufmerksam ist, dürfte die Fahrt kein Hindernis sein, vorausgesetzt das Boot besitzt eine FD-Nummer und ist mit AIS ausgestattet. Die FD-Nummer kann vom Hafen Willemdok ausgestellt werden.
Sektor Donk
An der Noordland Brücke meldet man sich auf VHF 2 für den Sektor Polder an:
Schiffname
Schifftyp
FD-Nummer
Anzahl der Personen an Bord
Ziel
Den Sektor Polder verlässt man wieder an der Lillo Brücke. Dort meldet man sich über VHF 2 von Polder ab und meldet sich anschliessend auf VHF 22 für den Sektor Donk an.
Vom Sektor Donk verabschiedet man sich auf VHF 22 bei der Vorbeifahrt der Ladekais 240 (Backbord) – 415 (Steuerbord). Für Weel meldet man sich auf VHF 62 an. Man verlässt den Sektor nach dem Ameriakdok, der zum Albert-Kanal führt.
Der Albert-Kanal (III)
Hier gelten Fahrbeschränkungen bis voraussichtlich 2030 wegen eines Tunnelbaus unter der Schelde. Die Fahrrinne des Kanals im Hafenbereich ist in der Breite stark eingeschränkt. Deshalb wurde ein Einbahnverkehr im Wechselbetrieb West-Ost eingerichtet. Diese Beschränkungen haben auch dazu geführt, dass die Zufahrt zum Yachthafen verlegt wurde (Siehe Zugang). Wenn man sich dem Baustellenbereich nähert (ob von Westen oder Osten) muss man sich über VHF 5 (Passage-Plannung) anmelden und die üblichen Informationen angeben. Die Fahrtrichtung ändert sich alle 3/4h. Man fährt dann im Konvoi. Mit Wartezeiten muss gerechnet werden.
Der Zugang
Zurzeit steht nur der Zugang (2′) (via Asiadok) zur Verfügung.
Der Zugang von der Schelde (1) kommend (via Katteldijksluis) ist gesperrt wegen Bauarbeiten
Der Zugang (2) über die Siberiabrug ist gesperrt wegen des Tunnelbaus im Albertkanal. Deshalb wurde der Zugang nach Asiadok über die Luikbrug (2′)verlegt.
Die Luikbrug steht wegen der Bauarbeiten offen. Wann man vom Albertkanal einfahren (oder vom Asiadok ausfahren) darf, wird vom Passage-Planner bestimmt. Längere Wartezeiten sind einzuplanen. Man sollte sich auf jeden Fall frühzeitig über die Verkehrssituation informieren!
Vom Asiadok geht es dann zum Houtdok. Die Asiaburg steht offen. Das Houtdok verlässt man über die Mexicobrug (VHF 69). Geöffnet wird die Brücke, wenn es der Strassenverkehr erlaubt. In Stosszeiten kann es zu Wartezeiten kommen.
Von dort gelangt man ins Katteldijkdok (welches, falls keine Sperrungen vorlägen würden auch über (1) und (2) zu erreichen wären).
Ausfahrt aus Willemdok – Londonbrug
Zum Hafen steht nur noch die Londonbrug (VHF 69) im Weg. Die Brücke wird je nach Tageszeit alle 1h30′ bis 3h gehoben.
Wenn die Brücke gehoben wird, kommt der Hafenmeister mit einem kleinen Schlauchboot zu jedem wartenden Boot zur Einweisung.
Der Weg aus dem Hafen gelingt auf die gleiche Weise.
Mitte Juli soll es wieder los gehen. Dann ist die Sommerpause für uns beendet. Gestartet wird in Antwerpen. Von dort aus geht es in Richtung Norden.
Auch dieses Mal werden wir die Westerschelde vermeiden. Schon vor zwei Jahren hatten wir die Alternative „Rhein-Schelde-Kanal“ bevorzugt.
Wie so oft halten wir uns an den Spruch: „Wenn man zwei schlechte Lösungen hat, wählt man die Bekannte„.
Das gilt auch hier !
Es gibt sicherlich gemütlichere Etappen, aber wenigstens muss man hier nur auf die vielen Frachter und Tanker achten. Strömung und Sandbänke bleiben uns erspart.
Erstes Ziel wird Zeeland sein. Dort kennen wir nur den Volkerak und das Grevelingermeer.
Die Zeit ist also reif für die Oosterschelde und das Haringsvliet. Der Hochsommer ist wahrscheinlich nicht die beste Zeit, um dieses Revier näher kennenzulernen. Für ein „Böotchen“ wird wohl am Ende eines Steges ein Plätzchen sein, und wenn das Wetter stimmt, bleibt ja da auch noch der Anker.
Vorschläge für Zeeland sind hier sehr willkommen!
Die Strecke bis Alkmaar kennen wir schon aus dem Jahr 2017, nur was noch nördlicher liegt, ist Neuland für uns.
Wie es dann anschliessend weitergehen soll, werden wir dann genauer im August uns überlegen.
Wir verlassen Nieuwpoort, nachdem die „Gehfähigkeit“ des Kapitäns sich verbessert hat. Unser „Sommerziel“ Antwerpen soll noch vor Ende Juni erreicht werden.
Brügge
Auf dem Weg zum Passantenhafen „Coupure“ in Brügge gilt es, einige Hebe- oder Drehbrücken und drei Schleusen zu überwinden. Auf dem Weg dorthin begleiten uns fünf Freizeitschiffe und ein Frachter.
Auf den Kanalstrecken überholen uns unentwegt Fahrrad-Teams. Hier bewahrheitet sich: Belgien ist eine Radfahrnation.
Bis zur Schleuse „Dammepoort“ im Nord-Westen von Brügge kommen wir gut voran.
Die Schleuse „Dammepoort“ besitzt eine ungewöhnliche Form aufgrund ihrer gebogenen Wände. Dem Frachter wird die lang gebogene Steuerbordseite zugeteilt. Die 5 Yachten müssen an der gegenüberliegenden Seite im Halbrund anlegen. Festmachen ist hier ein grosses Wort! Es gibt ein paar Ösen und Seile. Wir haben einen ungünstigen Platz erwischt. Da die Wand nicht genügend Raum für alle lässt, bieten wir einer englischen Crew an, sich an uns ranzulegen. Mit einiger Mühe können wir die zwei Boote während des Schleusenvorgangs stabilisieren.
Die Durchfahrt oder besser gesagt Umfahrung von Brügge erweist sich als ein „Nadelöhr“. Der Kanal ist eng mit einigen Brücken und der Frachtverkehr kann recht stark sein, so dass es an der Dammepoort-Schleuse zu Stau kommen kann.
Die Brücke zum Passantenhafen wird vom Hafenmeister bedient. Auch wenn es dazu einen VHF Kanal gibt, ist es besser ihn direkt telefonisch zu erreichen. Der Hafenmeister ist sehr hilfsbereit und kümmert sich um jedes ankommende Boot.
In der Nähe der Brücke befindet sich im Kanal ein Wartesteg ohne Landzugang, der mitunter als „Liegeplatz“ genutzt wird, wenn die Brücke zum Hafen defekt ist, was während unseres Aufenthalts vorkam.
seit letztem Jahr besitzt der Hafen ein neues, gut ausgestattetes Sanitätsgebäude.
Auf einer alten Stadtkarte lässt sich gut ersehen, woher der Name des Hafens „Coupure“ (z.D.: Unterbrechung, Durchstich) seinen Ursprung hat. Der Kanal wurde erst im 18. Jahrhundert gebaut, um die Verbindung von Brügge mit Gent zu verbessern.
Es ist unser zweiter Besuch mit dem Boot in der Stadt. Wegen der eingeschränkten Beweglichkeit geniessen wir mehr die Ruhe im Hafen als die Hektik der Stadt. Es ist bemerkenswert, die Bilder von 2021 mit denen von heute zu vergleichen. Auch hier hat der Massentourismus eingeschlagen!
20212025
Gent
Nach vier Tagen machen wir uns auf den Weg nach Gent. Wir werden von drei Charterbooten begleitet.
Der Kanal bleibt am Anfang eine Weile sehr eng. Hier ist Vorsicht geboten! Entgegenkommende Frachter sind mehr daran interessiert, die Schleuse „Dammepoort“ zügig zu erreichen, als auf „Freitzeitschiffer“ besondere Rücksicht zu nehmen. Auch diesmal wird es für uns einen kurzen Moment eng!
Dann steht nichts mehr im Weg und wir erreichen den Passantenhafen in Gent nach fünf Stunden Fahrt. Der nette Hafenmeister in Brügge hatte seinem Kollegen in Gent unsere Ankunft angekündigt. So finden wir einen gutgelegen Platz am Längssteg.
Auch wenn die beiden Städte sich historisch ähneln, wirken sie doch sehr unterschiedlich auf uns. Um es auf den Punkt zu bringen, kann man dem Hafenmeister rechtgeben, wenn er sagt: „Brügge lebt am Tag, Gent während der Nacht„. In Brügge fallen vor allem die vielen Touristen auf, in Gent sind es Studenten.
Wir nutzen unsere Zeit zu zwei Museumsbesuchen. Das Designmuseum ist leider wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. So haben wir Zeit, um das MSK (Museum der Schönen Künste) zweimal aufzusuchen. Eine Sonderausstellung des Zeichners Jules de Bruycker erweckt unser besonderes Interesse. Aber auch ein kleines Museum, das sich mit dem Alltagsleben, den Bräuchen und Gewohnheiten beschäftigt, hat uns gut gefallen.
Antwerpen
Wie immer, wenn man von Gent nach Antwerpen (oder umgekehrt) fahren will, muss man sich vor der Abreise über die Fahrbedingungen auf der Schelde informieren: Tidenhub, Seeschleusen-Bedienzeiten etc.
Da wir auf Talfahrt sind, brauchen wir ablaufendes Wasser, somit Hochwasser bei der Abfahrt. Die Hochwasserzeiten liegen Ende Juni dieses Jahr am Nachmittag, was eine direkte Fahrt bis Antwerpen zum Hafen Willemdok erschwert. 2018 hatten wir Hochwasser um 6h30 in Gent.
Ein Anruf an der Schleuse Kattendijk in Antwerpen erledigt diese Frage allerdings sehr schnell! Die Schleuse ist seit gestern ausser Betrieb. Die Reparatur wird voraussichtlich eine Woche in Anspruch nehmen. Warten wäre riskant, also entschliessen wir uns zur Alternative über die Ruppel und Nete: also Schelde zu Tal, Ruppel und Nete zu Berg.
Jetzt gilt es noch die Zwischenstopps festzulegen. Im offenen Gezeitengewässer mit zusätzlicher Flussströmung zu übernachten, macht uns keinen besonderen Spass. Wir entscheiden uns für eine erste Etappe von Gent zum ruhigen Hafen von Willembroek am Zeekanaal Brussel-Schelde.
Wir sehen die Abfahrt für den 21. Juni vor. Hochwasser in Melle wird für 15h12 erwartet. Von der Seeschleuse Merelbeke nach Melle sind es noch etwa 4 km.
An der Seeschleuse Wintam ist Niedrigwasser um 18h37. Bis dorthin sind es rund 70km.
Um sicherzustellen, dass wir Wintam erreichen, bevor wieder starker Gegenstrom einsetzt, nehmen wir die Schleuse Merelbeke eine gute Stunde vor Hochwasser.
Wir verlassen den Hafen um 12h45 und erreichen die Schleuse Merelbeke gegen 13h30. Als wie ankommen, steht die Backbordschleuse schon bereit.
Wir verlassen die Schleuse gegen 14h und fahren so etwa eine Stunde noch gegen die abnehmende Gegenströmung. Unsere Reisegeschwindigkeit liegt jetzt bei etwa 7km/h (SOG). Unsere übliche Geschwindigkeit im Wasser liegt bei etwa 10 km/h (1800 U).
Nach 1h30 nehmen wir Fahrt auf. Dendermonde erreichen wir nach drei Stunden, die Geschwindigkeit hat sich zwischen 13 und 15km eingependelt. An der Schleuse Wintam kommen wir gegen 19h nach 5 Stunden Fahrt an. Von der seit einer halben Stunde einsetzenden Gegenströmung merken wir noch nichts. Jetzt entspricht die „Geschwindigkeit über Grund“ unserer üblichen Fahrgeschwindigkeit im Wasser, etwa 9-10 km/h.
Die Schleuse verlassen wir um 20h und erreichen den kleinen Hafen in Willebroek eine Stunde später, wo wir einen Platz direkt vor der Klein- Willebroek Schleuse finden.
Am nächsten Tag beginnt das Rechnen für die zweite Etappe schon während des Frühstücks. Jetzt geht es zu Berg, also starten wir mit auflaufendem Wasser. Niedrigwasser in Boom haben wir um 8h. Wegen der zwei niedrigen Brücken auf der Beneden Nete gilt es, weder zu früh noch zu spät zu starten. 2 Stunden nach Niedrigwasser in Boom (etwa 3h nach Antwerpen!) ist ein guter Wert. Die Schleusenwärter sowohl in Willebroek als auch in Duffel bestätigen unsere Einschätzung. Die Schleuse Willebroek wird an unserem Fahrtag ab 10h bedient, an der Schleuse Duffel haben wir 1h30 später genügend Wasser (unter dem Kiel).
Vom Passantenhafen Lier trennen uns nur noch eine Viertelstunde.
Als wir dort ankommen, finden wir am Steg die ANNE-MARIA, eine der drei von LINSSEN-YACHTS gebauten „New Classic Sturdy 36 AC„. Welch ein Zufall!!! Dies gab uns Gelegenheit zu einem angeregten und netten Erfahrungsaustausch mit den Besitzern aus Duisburg.
Hier bleiben wir eine Nacht, bevor es weitergeht Richtung Antwerpen.
Die Zufahrt zum Hafen Willemdok in Antwerpen über den Albertkanaal wird wegen des Baus eines Tunnels unter der Schelde im Hafengebiet stark beeinträchtigt. Der Weg zum Hafen wurde wegen der Bauarbeiten verlegt. Man fährt jetzt nicht mehr durch die „Siberiabrug“ zum Katteldijk-Dok sondern über die Luikbrug, Asiabrug und Mexicobrug.
Der Verkehr auf dem Albertkanal zum Hafengebiet wird im Wechselverkehr abgewickelt. Alle 3/4h wechselt die Fahrtrichtung im Konvoi (West > Ost; Ost> West). Wir melden uns auf VNF Kanal 5 mit Angabe der vorgesehenen Informationen an: Bootsname, FD-Nummer, Anzahl der Personen an Bord.
Wir haben Glück und können mit dem Frachter Nadia die Engstelle passieren. Anschliessend geht es direkt zur Luikbrug, die schon geöffnet wurde.
Leider erreichen wir die Londonbrug 15 Minuten zu spät, um noch die mögliche Hebung um 12h45 ausnutzen zu können.
So machen wir im Katteldijkdok fest, essen zu Mittag und warten mit drei anderen Booten auf die nächste Hebung um 14h. Ein paar Minuten später werden wir von Hafenmeister Dirk im Schlauchboot zu unserem Platz begleitet. (Siehe Bild).
Heute mal etwas ganz Anderes, aber ebenso Wichtiges. Dazu ist mir der Werbespruch, neuerdings „Baseline“ genannt, meines bevorzugten Kamera-Herstellers in den Sinn gekommen.
„Die Beschränkung aufs Wesentliche„. Was braucht ein Fotograf zum Fotografieren ? Mehr ist nicht unbedingt besser! „Was nehme ich mit auf eine einsame Insel ? usw.
Was ist eigentlich das Wesentliche für eine gelungene Bootsfahrt ?
Schönes Boot, gutes Wetter, funktionierende Schleusen und Brücken …. oder doch etwas anderes?
Aus unseren Erfahrungen haben wir gelernt, dass es auf ganz andere Dinge ankommt. Natürlich macht es mehr Spass mit einem schönen Boot, gutem Wetter und problemloser Fahrumgebung!
Wir nennen es „BEWEGLICHKEIT„. Also die Fähigkeit, in Bewegung bleiben zu können.
Das betrifft ebenso das Boot wie die Crew!
2016 waren wir in Frankreich mit zwei befreundeten Schiffen unterwegs. Einer der Skipper hat sich damals beim Radfahren das Bein gebrochen. Die Reise endete abrupt.
2022 wurde uns selbst bewusst, wie wichtig es ist, mobil zu sein. Damals hatten wir ein Problem mit der Dieselversorgung auf der IJssel. Beweglichkeit bedeutet auch, Kontrolle nicht ausser Acht zu lassen .
2024 verlor eine gute Freundin, die mit uns auf ihrem eigenen Boot unterwegs war, auf rutschiger Strasse die Kontrolle über ihr Fahrrad. Fazit: die Reise musste ein paar Wochen unterbrochen werden.
Jetzt hat es uns erwischt!
Bei einem unglücklichen Sturz habe ich mir einen Muskelriss des „Hamstrings“ zugezogen. Sportler wissen da sofort, was damit gemeint ist ;-).
Es hätte viel schlimmer ausgehen können!!! Stürze in unserem Alter haben oft schlimmere Folgen als nur ein paar Schmerzen und ein paar Gehbeschwerden. Meine „Beweglichkeit“ ist somit für ein paar Tage eingeschränkt,…. und die des Bootes ebenfalls.
So gönnen wir uns nach dem ersten Schreck mal ein paar Tage Ruhe im gut gelegenen Passanten-Hafen „la Coupure“ von Brügge. Der Name des Hafens passt sehr gut zu unserer Unterbrechung der Fahrt oder des Riss des Muskels :-).
Wenn ich zum Schluss wieder auf „das Wesentliche“ zurückkomme, würde ich sagen:
Beweglichkeit ist Nummer 1. Was die Crew anbelangt, kann man das auch allgemeiner mit Gesundheit gleichsetzen.
auf zweiter Stelle folgt : Flexibilität (Planung ja, aber die Anpassungsfähigkeit sollte im Vordergrund stehen),
das Bootsfahren sollte weiterhin der ganzen Crew Spass machen, also Gemeinschaftssinn.
Es sei noch vermerkt, dass die medizinische Versorgung (Transport, Behandlung, Versorgung) ausgezeichnet war. Besonderer Dank geht an die Ambulanz der Feuerwehr in Nieuwpoort sowie dem Personal im Hospital von Ostende.
Ohne die liebevolle Unterstützung meiner „besseren Hälfte“ , wäre wohl die Tour 2025 hier zu Ende gegangen!
Falls „Murphy“ sich nicht etwas anderes für uns ausdenkt, geht es im nächsten Bericht um die Reise von Nieuwpoort, Brügge und Gent nach Antwerpen.
L’Aa canalisée – Canal de la Haute Colme – Canal de Lynck à Coppenaxfort – Canal de Bourbourg – Canal de la Jonction – Canal de Furnes – Kanaal Nieuwpoort-Duinkerken – IJzer – Kanaal Plassendale-Nieuwpoort
Wie schon beschrieben, fahren wir zunächst von Arques direkt nach Veurne in Belgien (West-Flandern).
Bevor wir loslegen, versuchen wir, uns über die Höhenbeschränkungen auf den Kanälen im Stadtgebiet von Dünkirchen zu informieren. Die Angaben der Karten geben keine eindeutige Auskunft. Teilweise entspricht die Durchfahrthöhe dem genwohnten Freyzinet-Mass, sprich 3,50m, teilweise scheint dies aber nicht garantiert. Beim Canal de Jonction variieren die Angaben von 3,20 bis 3,45m.
Mehrere Anrufe im Hafen von Dünkirchen und bei VNF helfen uns nicht weiter. Scheinbar will sich keiner festlegen.
So entscheiden wir uns, vor der Abfahrt das Cabrio zu legen. Wie wir dann später feststellen, wäre es bei zwei Brücken wirklich eng geworden… Unsere Erfahrung 2018 auf dem Ardennen-Kanal hat uns gelehrt, vorsichtig zu sein.
Die Strecke von Arques nach Dünkirchen führt durch eine liebliche Sumpfgegend mit vielen kleinen Kanälen, die in die Aa münden. Es begegnen uns an diesem Morgen kaum Frachter und kein einziger Freitzeit-Schiffer.
Auf dem Weg liegen drei Schleusen. Die erste wird fernbedient. Als wir ankommen, steht sie für uns bereit. Diese Schleuse besitzt wie die Schleuse Cuinchy horizontale und vertikale Spundwände.
Die zwei anderen Schleusen sind „automatisés„. Wer die französischen kleinen Kanäle und Schleusen kennt, der weiss, dass dieses Wort vielfältige Interpretationen erlaubt.
Wir nähern uns der Schleuse „Jeu de Mail„, finden aber keine Erklärung, wie hier der Schleusenvorgang ausgelöst wird. Eine „Télécommande“ wurde uns nicht ausgehändigt, eine Drehstange sehen wir zunächst nicht,… Ein Anruf bei VNF gibt uns auch keine weitere Erklärung. Die Schleuse sei halt „automatisée„. Da wir so nicht weiterkommen, wird ein Mitarbeiter zur Schleuse geschickt, um nach dem Rechten zu schauen.
Als er nach einer Viertelstunde am Boot erscheint, fragt er uns „ob wir die Leine gezogen hätten? “ Welche Leine ? Dann der Ahhh-Effekt! Der VNF-Mitarbeiter zeigt in Richtung Kanal, wo wir dann tatsächlich eine hängende Kette in Ufernähe sehen.
Quasi zeitgleich nähert sich ein Frachter, der das Schleusentor mit einer Fernbedienung öffnet ;-).
Wir gehen jetzt davon aus, dass die letzte Schleuse des Tages auch mit einer Zugleine bedient wird (oft sind es Stangen, die gedreht werden müssen ;-)). Als wir uns der Schleuse Furnes im engen Canal de jonction langsam nähern, halten wir Ausschau nach einer solchen Leine. Diesmal öffnet sich das Schleusentor ohne unser Zutun. Da rund um die Schleuse Überwachungskameras uns zuschauen, erwarten wir, dass diese Schleuse auf Distanz von einer Schaltzentrale aus gesteuert ist. Dem ist aber nicht so! Nach einigen Minuten rufen wir VNF wieder an, dort werden wir an den Hafen von Dünkirchen verwiesen. Den versuchen wir über UKW73 zu erreichen (Der Kanal wird von VNF verwaltet, jedoch diese Schleuse steht unter der Aufsicht des Hafens).
Anscheinend hat uns jemand gehört, denn nach 20 Minuten kommen zwei Angestellte. Diese machen uns auf ein gelbes Kästchen mit zwei Bedienknöpfen an der Backbordwand der Schleuse aufmerksam. Rot sei für NOTFÄLLE, Schwarz für START. „Warum gibt es kein lesbares Schild ? oder eine Erklärung ? Darauf die Antwort: „Ja, das stimmt, das wäre sinnvoll!„
Dann steht auf dem Weg nach Veurne fast nichts mehr im Weg. Bis zur belgischen Grenze wird der Kanal von VNF verwaltet.
Als wir uns der ersten Brücke nähern , werden wir von einem VNF-Mitarbeiter empfangen. Zunächst erklärt er uns, dass unser Anruf überflüssig war, „da er uns auf AIS gesehen hat,… Er sei aber vor allem gekommen, um unsere Fahrinformationen zu notieren…“.
Kurz vor 17h machen wir im Passantenhafen von Veurne fest, wo wir zwei Tage bleiben, um uns die flämische Stadt anzuschauen.
Die meisten, wenn nicht alle Städte in West-Flanden haben sehr unter dem 1. Weltkrieg gelitten. Es ist bemerkenswert, das man dort die alten Stadtzentren nach dem Krieg im flämischen Renaissance-Stil wieder erbaut hat.
Dann geht es weiter nach Nieuwpoort.
Vor der Weiterfahrt nach Nieuwpoort erkundigen wir uns beim dortigen Schleusenwärter nach dem besten Zeitpunkt für das Schleusen. Wegen der variablen Wasserstände werden die dortigen Gezeitenschleusen nicht zu jeder Tageszeit bedient.
Er empfiehlt uns spätestens 2 Stunden nach Hochwasser dort anzukommen. Wir einigen uns auf 1h30.
Die erste Schleuse Veurne führt vom Kanal zur IJzer, die in Nieuwpoort in die Nordsee mündet. Dort liegen drei Yacht-Häfen im Gezeitengewässer. Da wir ins Binnengewässer wollen, müssen wir noch die Gravensluis nehmen.
Jetzt hat man die Wahl zwischen zwei Binnenhäfen. Beide tragen das Wort Westhoek im Namen, was zu Verwirrungen führen kann. Die Marina Westhoek liegt direkt im Kanal nach Ostende und Gent. Wer vorhat, wie wir, noch über die IJzer einen Ausflug nach Dixmuide zu machen, der bevorzugt den gut ausgestatteten Klubhafen VVW Westhoek in ruhiger Lage. Dort gibt es auch ein Restaurant. Bis dorthin trennt uns nur noch die Schleuse Sint-Joris. Dort werden wir schon erwartet.
Im Hafen werden wir nett empfangen. Wir bleiben hier vier Tage. Zeit genug zu Ausflügen nach Nieuwpoort-Bad, Ostende und De Panne mit unseren Kindern, die uns hier besuchen.
Ebenfalls auf dem Programm steht ein Ausflug mit dem Boot über die IJzer nach Dixmuide bevor es weiter nach Brügge gehen soll.
Die IJzer schlängelt sich durch eine flache Agrarlandschaft. Dort finden wir einen recht grossen Stadthafen mit Tankstelle.
Wer sich für Geschichte interessiert, der sollte auf diesen Ausflug nicht verzichten. Der Besuch des Museum aad der IJzel erweckt in uns schreckliche Parallelen zur heutigen Zeit.
Zum Abschluss noch eine allgemeine persönliche Betrachtung. Ein Thema, das uns auf dieser Reise mal wieder beschäftigt : die Benutzungsgebühren der Wasserstrassen. Da wir dieses Jahr ein bisschen im Zig-Zag-Kurs unterwegs sind und natürlich auch die Wegsperrungen im Auge behalten müssen, versuchen wir die anstehenden Kosten zu optimieren.
Frankreich : kostenpflichtig, wählbare Dauer: 1 Woche, 1 Monat (160€), 1 Jahr, kurze Zeiten sind teurer
Niederlande : kostenlos, ausser Kauf des „Almanachs“
Obwohl wir in Frankreich keinen Monat (nur 15 – 20 Tage) ohne Unterbrechung unterwegs sind, buchen wir 1 Monat (billiger als 3 Wochen). Obwohl wir in Flandern kein Trimester (8 Wochen) ohne Unterbrechung unterwegs sind, buchen wir 1 Trimester etc.
Es sei noch vermerkt, dass es keinen direkt erkennbaren Zusammenhang zwischen den Kosten und dem Service gibt.
Canal de la Deûle – Canal de l’Aire – Canal de Neufossé
Für die Fahrt von Wambrechies nach Aire sur la Lys warten wir den nächsten regenarmen Tag, der allerdings als sehr windig angesagt wird, ab.
Früh, noch vor 8h machen wir uns auf den Weg. Der Wind soll erst gegen 11h stärker werden, dann aber kräftig mit Böen bis zu 8 bft. Heute geht es uns vor allem darum, ein Stück voranzukommen. 70km und 3 Schleusen liegen vor uns. Nach wenigen Kilometern erreichen wir die erste Schleuse. Wir können sofort einfahren. Bei der Schleuse „Don“ haben wir weniger Glück. Dort müssen wir zwei Schleusungen abwarten. Es soll die einzige Verzögerung an diesem Tag bleiben.
2018 hatten wir im Oberwasser der Schleuse Don übernachtet. Da der Berufsverkehr zwischen 22h und 6h unterbrochen wird, kann man zur Not an einer Kai-Mauer im Kanal übernachten. Häfen sind hier selten. Die Gegend zwischen Lille und Douai ist von Industrie geprägt. Das lädt natürlich nicht zum Verweilen ein.
Als wir nach fast 4 Stunden in den Canal de l’Aire abbiegen, wird die Landschaft lieblicher. Die Schleuse „Cuinchy“ erreichen wir gehen 12h30. Die Kammerwände bestehen aus senkrechten Spundwänden und waagrechten Stahlschienen (ähnlich wie Leitplanken an Autobahnen).
Illustration: Kai-Mauer im Stil der Wände der Schleuse Cuinchy
Beim Schleusen achten wir drauf, Abstand zu den Wänden zu halten. Da wir flussabwärts unterwegs sind , gelingt das recht gut.
Auf dem Kanal treffen wir nur auf etwas Berufsverkehr. Freizeitkapitäne sind hier wohl weniger unterwegs. Das ändert sich, als wir uns unserem Zielhafen in Aire sur la Lys nähern. Dies liegt am Zufluss der Lys, einem typischen Freizeitgewässer.
Dort finden wir einen völlig neu gestalteten, modernen Yacht-Hafen, der fast jeden Service bietet. So gibt es neben Wasser und Strom an allen Stegen festinstallierte Fäkalienpumpen. Das Hafengebäude bietet neben den Sanitäranlagen und Waschmaschinen auch eine kleine Bar, an der nordfranzösisches Bier serviert wird.
Die gepflegte Anlage ermutigt uns, hier drei Tage zu verweilen. Wir nutzen die Zeit zu einem Stadtbesuch und einer Fahrt nach Saint Omer. Fernab von Paris werden überall in der französischen Provinz grosse Anstrengungen unternommen, um diese Regionen attraktiver zu gestalten. In Aire fliessen 4 Bäche und Flüsse zusammen. Die Stadt Aire lebt vor allem von Agrarindustrie. Noch heute arbeitet hier eine der grössten Mühlen im Norden Frankreichs.
Wir fahren mit dem Bus nach Saint Omer. Das klingt zunächst einfach, ist es aber nicht. Vergeblich versuchen wir, jemanden zu finden, der uns Auskunft geben kann: wann und wo fährt der BUS ab? Gibt es überhaupt eine Busverbindung? Im Zentrum von Aire treffen wir auf einen älteren Herrn, der unser Rätsel löst: Ja es gibt einen Bus, Ja es gibt eine Bushaltestelle „dort, wo der Müllkorb steht,…“ . Ob und wann der Bus fährt, weiss er allerdings nicht. Wie mancherorts, ist das Auto noch das bevorzugte Verkehrsmittel.
Am nächsten Morgen wollen wir es versuchen. Wir haben Glück, um 9h21 naht der Bus 511, der uns nach St. Omer bringt. Viel Zeit bleibt uns nicht zum Bummeln. Der Bus fährt kurz nach 12h wieder zurück.
Bei der Touristen-Information erhalten wir eine Karte mit einigen Rundweg-Vorschlägen. So nutzen wir die 2 Stunden, die uns bleiben, zu einem ausgedehnten Spaziergang durch die Stadt, entlang der sehenswerten historischen Bauten: Cathédrale Notre-Dame, Vestiges de l’Abbaye Saint-Bertin, la Grande Place. Auf den Besuch der Brauerei Saint Omer müssen wir leider verzichten.
Nach Arques fahren wir am nächsten Tag mit dem Boot. Die Stadt liegt unweit von Saint Omer am anderen Ufer des Canal de Neuffossé. Arques ist weltweit bekannt durch seine Cristallerie d’Arques. Heute wird hier noch Glas für industrielle Anwendungen produziert.
Die grosse Schleuse Fontinettes steht für uns bereit. Die Talfahrt der über 13m tiefen Schleuse geht recht zügig voran. Nach weniger als 30 Minuten verlassen wir die Kammer. Nur einen Kilometer entfernt liegt die Schleuse „Flandres“. Auch sie steht bereit.
Einen halben Kilometer hinter ihr finden wir in einem Seitenarm die „Base nautique d’Arques„. Wir sind das erste Boot an diesem Tag, das dort am Längssteg festmacht. Später gesellen sich noch drei niederländische Schiffe hinzu.
Wir nutzen den Nachmittag zu einem Besuch des ehemaligen Schiffshebewerks „Fontinettes“. Das Hebewerk mit Freycinet-Massen (38,50×5,05) aus dem Jahre 1888 ersetzte eine Schleusentreppe von 5 Schleusen. 1967 wurde es durch eine grosse Schleuse im Europa-Format (144×12) ersetzt. Die Dauer des Schleusens ist zwar ähnlich, allerdings können 6 traditionelle Péniches gleichzeitig geschleust werden. Das war zumindest bis in die 80ger Jahre so. Heutzutage verkehren hier grössere Kähne. In den nächsten Jahren soll eine zweite Kammer die Schleuse ergänzen.
Das Hebewerk kann besichtigt werden. Technikinteressierte sollten sich den Besuch nicht entgehen lassen.
Nach reichlicher Überlegung entscheiden wir uns in Arques, den Hafen von Dünkirchen „links liegen“ lassen zu lassen.
Nicht etwa aus zeitlichen Gründen oder weil ein Besuch von Dünkirchen uninteressant wäre. Nein, dies hat eher rechtliche Gründe. Unser Schiff ist in Frankreich für „Binnengewässer“ in Paris angemeldet und bei der zuständigen Behörde registriert. Wer ins maritime (französische) Wasser möchte und unter französischer Flagge fährt, braucht eine sogenannte „Francisation“ (Französisierung). Abgesehen von der recht aufwändigen Prozedur, zieht dies auch jährliche Kosten nach sich (in unserem Fall 342€ z.Z.). Dies zusätzlich zur „Vignette“, die von VNF für die Nutzung der französischen Wasserwege anfällt (556€/Jahr in unserem Fall). Auf der Seine haben wir schon vor Jahren die gleiche Situation erlebt. Ab der Stadt Rouen gilt Seerecht. Somit endete unsere Bootsreise auf der Seine in der Stadt Rouen ! 80km von der Küste entfernt.
Wir lassen es also nicht darauf ankommen, im Hafen vom Zoll kontrolliert zu werden und entscheiden uns direkt über den Canal de Furmes nach Belgien zu fahren.
ZUSAMMENFASSUNG:
17./ Wambrechies > Aire sur la Lys: 65km, 3 Schleusen, 7,6Mh 18./ Aire sur la Lys > Arques: 16km, 2 Schleusen, 1,9Mh
Noch in Kortrijk bereiten wir die Reiseroute für den nächsten Tag vor. Es soll weiter über die Lys bis zum Canal de l’Aire gehen. Beim genaueren Anschauen des Weges auf der App Waterkaarten stellen wir fest, dass in Melville bei einer Brücke die freie Höhe mit 2,60m (!) angegeben ist. Dies entspricht nicht den Informationen der anderen Führer und Karten…. Ein Anruf bei VNF genügt, um zu verstehen, dass eine Durchfahrt ohne Abbau des Cabrios und der Scheiben nicht garantiert werden kann. Der aktuelle niedrige Wasserstand soll etwa 2,80m Durchfahrthöhe ergeben,…. Das ist uns zu ungewiss. Zudem soll es in den nächsten Tagen kräftig regnen. Eine Fahrt ohne Cabri ist nicht so unser Ding! (Nachtrag: Zwei Tage später lesen wir in einem „Avis de batellerie„, dass die Weiterfahrt über die Lys wegen Versandung ausgeschlossen ist (Wassertiefe 0,50m!).
Gesagt getan, so fahren wir von der Lys zum Canal de la Deûle in Richtung Lille, „la Metropole du Nord“ wie die Stadt sich gerne nennt.
Von unserer Reise 2018 wissen wir, dass es nur wenige geeignete Liegeplätze gibt, an denen man geschützt mehrere Tage verbringen kann.
Wir steuern den kleinen Hafen von Wambrechies an.
Der Hafen besitzt nur 2 – 3 Plätze für Passanten und man muss tagsüber starken Schwell wegen des vorbeifahrenden Frachtverkehrs in Kauf nehmen. Als wir dort ankommen, stellen wir fest, dass alle Plätze belegt sind. Auch sonst gibt es keine Anlegemöglichkeit. Eins der Boote auf den Passantenplätzen am Eingang des Hafens sieht sehr vernachlässigt aus. Wir machen uns an ihm fest, bis wir einen vernünftigen Platz mit dem Hafenmeister ausmachen können.
Schon vor der Ankunft hatten wir mehrmals die verschiedenen Telefonnummern erfolglos angerufen. Auch jetzt kein Lebenszeichen im Hafen. So machen wir uns auf den Weg, um den Hafenmeister zu suchen. Ein Kunde des direkt im Hafen liegenden Restaurants bringt uns auf seine Fährte,…. Wenig später finden wir ihn in dem nahgelegenen „Café-Tabac„.
Schnell stellt sich heraus, dass der Mann sehr hilfreich ist. Er erlaubt uns an der schönen alten Peniche „Butskop„, Baujahr 1925, festzumachen. Das Anlegen erweist sich schwieriger als erwartet! Das Hafenbecken ist verschlammt und die Wassertiefe variiert zwischen 1,2m und 80cm. Als wir uns dem vorgesehenen Platz nähern, versinken wir im Schlick. Nur mit viel Mühe und dank der Hilfe des Hafenmeisters gelingt es uns, das Boot zum geplanten Platz zu ziehen. Der Wasserfilter der Kühlung braucht später eine intensive Reinigung und der Kühlkreislauf verlangt nach einer gründlichen Spülung.
Trotz allem sind wir mit dem Liegeplatz im Doppelpack zufrieden. Jetzt liegen wir ruhig und geschützt mit freier Sicht auf die Terrasse des Restaurants.
Der Hafen selbst entspricht nicht dem Standard, den man von den Niederlanden gewohnt ist, trotzdem ist es ein Platz, an dem man ein paar Tage verweilen kann. Das liegt vor allem an seiner guten Lage mitten im Ort. Direkt am Hafenbecken liegen Restaurants, Bars uns kleine Geschäfte. Überhaupt überrascht uns die Qualität der Lebensmittelgeschäfte hier. Es liegt wohl auch an der Nähe zur Stadt Lille, die man mit einem Bus in rund 30 Minuten erreicht.
Vom Hafenbecken geniesst man die Sicht auf ein schönes renoviertes Schloss, dessen grosser Park lädt zum Spaziergang einlädt.
Wir nutzen die nächsten Tage zu zwei Besuchen der Stadt Lille. Dorthin bringt uns der Bus L1. Die Haltestelle befindet sich nur 100m vom Hafen entfernt. So kann man alle 30 Minuten direkt ins Zentrum fahren.
Zum Ende hier ein paar Eindrücke: La Grande Place, La Gare Flandres, L’Hospice, Musée des Beaux Arts, La Nouvelle Bourse, L’Ancienne Bourse.
Die Stadt steht zur Zeit im Zeichen der kulturellen Veranstaltungen „Lille 3000„.
Nimy-Blaton-Peronnes Kanal – Schelde – Bossuit-Kortrijk Kanal – Lys
Das Wetter soll sich für die nächste Woche verschlechtern. Da sind sich alle Modelle einig, Regen und vor allem Wind. Regen wäre gut für die Natur. Wind brauchen wir mit unserem Motorboot weniger. Böen bis 8bft, da liegt man besser sicher in einem geschützten Hafen. Trotzdem entscheiden wir uns nicht in Peronnes zu verweilen und zunächst einmal weiterzufahren. Wir wollen schrittweise entscheiden, wann und wo wir dem schlechten Wetter trotzen.
So legen wir recht früh ab, mit der Absicht, als nächstes Ziel Kortrijk anzusteuern. 42km und 7 Schleusen, das dürfte machbar sein.
An der ersten Schleuse „Peronnes“ müssen wir die Schleusung eines Frachters abwarten, bevor es weitergehen kann. Ein paar Kilometer hinter der Schleuse, flussabwärts auf der Schelde liegt auf der Steuerbordseite die Bootstankstelle „Neptunia“ . Dort bunkern wir 172 Liter Diesel (Verbrauch : 2,8 l/h).
Auf der Schelde, vor und nach Tournai, herrscht reger Berufsverkehr. Die Durchfahrt durch die Stadt ist im Wechselverkehr über eine Ampelsteuerung geregelt. Als wir uns der Einfahrt nähern, warten schon zwei Frachter auf die Durchfahrterlaubnis. Bei unserer Durchfahrt werden wir von drei Frachtern begleitet. Alle fahren vorsichtig mit etwa 5km/h.
Somit werden wir von vorne gebremst und von hinten etwas geschoben ;-).
Der alte, völlig neu renovierte, Torbogen, das Nadelöhr der Stadt, ist zwar schön, verlangt allerdings von den Frachtern äusserste Vorsicht.
Ähnlich langsam geht es voran an den beiden Schleusen Kain und Herinnes. Auch hier kommt es zu Staus. Da die Schleusen nur Platz für einen Frachter bieten, bleibt gerade noch Platz für uns.
Von Peronnes bis zur Einfahrt des Bossuit-Kortrijk Kanals sind es nur 27km. Die Wartezeiten führen dazu, dass wir erst kurz vor 15h an der Einfahrt zum Kanal ankommen.
Wir melden uns über UKW Kanal 20, erhalten aber trotz mehrerer Versuche keine Auskunft. So greifen wir zum Telefon. Der Anruf führt dann nach längerem Läuten zum Erfolg. Ein netter Angestellter von Vlammse Waterweg bemüht sich, uns in Französisch Auskunft zu geben:
Die Schleusen werden für Freitzeitschiffer nur zu festen Zeiten bedient (Ausnahme: man hat die Möglichkeit, mit einem Frachter geschleust zu werden)
Montag – Freitag: 9h, 12h, 14h, 17h, 20h, 21h45
Samstag: 10h, 12h, 14h, 17h
Wir haben Glück! Da noch ein Frachter auf Talfahrt in Richtung Schelde unterwegs ist, dürfen wir ausnahmsweise ausserhalb der angegebenen Zeiten flussaufwärts die Schleusen Bossuit und Moen nehmen.
Jedoch ist es schon zu spät, um noch alle Schleusen bis Kortrijk nehmen zu können. Daher empfiehlt uns der Schleusenwärter, an der Kaimauer in Zwevegen festzumachen. Von dort bis zur Schleuse sind es nur 500m. Dies ist die letzte grosse Schleuse auf diesem Kanal.
Wir nutzen den Rest des Tages zu einem Spaziergang zum nahegelegenen ehemaligen Kraftwerk. Der Ort wird heute als Kultur- und Freizeitpark genutzt, den wir sicherlich nicht besucht hätten, wenn wir früher auf dem Kanal gewesen wären.
Zur Weiterfahrt nach Kortrijk am nächsten Tag ist eine Schleusung für uns um 10h in Zwevegen angesagt. Die drei letzten Schleusen n° 9, 10 und 11 werden manuell von einem Schleusenwärter bedient. Wie am Vorabend an der Scheuse Bossuit vereinbart, sollen wir um 11h30 an der Schleuse 9 bereit stehen.
Wir erreichen die Schleuse schon kurz vor 11h.
Als wir dort eintreffen, sehen wir, dass eine Yacht in der Schleuse n°9 kanalaufwärts geschleust wird. Diese verlässt die Schleuse kurz nach 11h. Wir können anschliessend einfahren und brauchen nicht bis 11h30 zu warten. Der junge Schleusenwärter begleitet uns bis nach Kortrijk.
Am Tag sind drei Schleusen -„start“- zeiten möglich:
Kortrijk > Bossuit: 7h30, 10h30, 14h
Bossuit > Kortrijk: 9h,12h30, 16h.
Da wir heute keine Energie haben, um unser Cabrio zu legen, können wir nicht den ruhig liegenden Passantensteg aufsuchen. Wir fahren weiter zum anderen, offenen Liegeplatz der Stadt. Hier muss man allerdings auf Schwell und die sehr geringe Wassertiefe achten.
Es gibt zwar Strom und Wasser, aber den Strom können wir nicht nutzen, da er ausgefallen ist und keiner einen Schlüssel für den Sicherungskasten hat,…
Die Stadt ist immer einen Besuch wert. So nutzen wir die Zeit zu einem Spaziergang durch die lebhafte Innenstadt. Sehenswert ist vor allem der Begijnhof.
Zum Abschluss des Tages können wir noch miterleben, dass Standup-Paddeln nicht bei jedem Wind einfach ist.
Obwohl die Stadt stark unter dem ersten Weltkrieg gelitten hat, zeugen noch einige Gebäude um den grossen Platz von einer glorreichen Zeit des Seehandels.
Das Stadtzentrum liegt etwa einen Kilometer von unserem Liegeplatz entfernt. Wir nutzen den Ausgang, um ein paar Einkäufe zu machen.
Am nächsten Tag geht es die Dender flussaufwärts. Wie weit wir fahren wollen oder kommen, steht bei der Abfahrt noch nicht fest. Auf dem Weg liegen eine ganze Reihe von Schleusen und Hebebrücken.
Ausser den beiden ersten, werden sie alle von insgesamt fünf Teams von Vlaamse Waterweg bedient und betreut.
Es mag am fehlenden Regen liegen, dass der Fluss vor allem in den kleinen Schleusen einer Kloake gleicht.
Wir lassen Aast schnell hinter uns und finden eine liebliche, hügelige Naturlandschaft. Das Flussbett der Dender wird zunehmend schmaler und kurviger.
Der erste mögliche Anleger befindet sich in Ath. Vorab hat man uns von diesem Platz abgeraten. Als wir dort ankommen, entscheiden wir sofort weiterzufahren. Der Anlegekai liegt direkt an einer Strasse und die industrielle Umgebung wirkt nicht sehr ansprechend.In Ath geht die Dender in den Ath-Blaton-Kanal über.
So entscheiden wir uns zur Weiterfahrt nach Geraadsbergen.
Nach 7,5h erreichen wir unser Ziel, Geraadsbergen.
Der Hafen liegt direkt hinter der Schleuse am rechten Ufer. Er besteht aus einem einzigen Längssteg. Angeblich soll es hier sechs Passantenplätze geben. In Wirklichkeit weist uns der Hafenmeister den letzten der beiden verfügbaren Plätze zu. Hinter uns hat auch „Summerwind“ festgemacht, ein Boot, das uns in Dendermonde begegnet ist.
Wir bleiben einen Tag im Ort, um uns etwas auszuruhen. So nutzen wir unseren Aufenthalt zu einem Rundgang durch die recht lebhafte Stadt. Es ist Marktag, also Gelegenheit den Kühlschrank wieder etwas zu füllen. Zu Mittag gibt es ein frisch gebratenes Hühnchen.
Die nächste Etappe soll uns von Geraadsbergen bis nach Ladeuze führen. Ein Tipp vom Hafenmeister in Geraadsbergen.
Der Weg erinnert uns an die kleinen Kanäle im Nord-Osten Frankreichs.
„Summerwind“ begleitet uns bis zum Nimy-Blaton-Peronnes-Kanal. Sie wollen die Somme besuchen.
Jedoch nach einigen Kilometern streikt Summerwinds Motorkühlung und der Kapitän muss ins schmutzige Wasser tauchen.
Sowohl auf der Dender als auch dem Ath-Blaton-Kanal ist die Wassertiefe gering. Unter dem Kiel haben wir kaum mehr als einen Meter. Oft weniger. Das trockene Wetter hat die Situation noch verschärft. So tut das schmutzige Wasser den Rest. Nach einer Stunde gelingt es dem Kapitän, den „Stopfen“ aus dem Ansaugrohr zu entfernen.
Die geringe Wassertiefe soll uns ein paar Kilometer später auch überrumpeln. Die Schleuse „Papignières“ liegt hinter einer engen unübersichtlichen Linkskurve.
Da wir auf der rechten Kanalseite unterwegs sind, fahren wir fälschlicherweise auf das Wehr zu. An dieser Stelle gibt es kein Hinweisschild, das die Einfahrt zur Schleuse kennzeichnet.
Auch wenn wir noch genügend weit entfernt sind, um nach links in Richtung Schleuse einzubiegen, erfasst uns der vom Wehr angeschwemmte Schlamm. Bums, wir sitzen fest! Jetzt heisst es, ohne Hektik und möglichst ohne Bug- und Heckstrahlruder (!), nur mit der Schraube, das Boot wieder loszubekommen. Nach einigen Vorwärts – rückwärts Manövern, gelingt es uns, wieder in tieferes Wasser zu gelangen. Aber auch hier haben wir nur 10 bis 20 Zentimeter unter uns.
Als wir die Schleuse erreichen, amüsieren sich die Schleusenwärter über uns. „Ihr seid nicht die ersten, die hier auf Grund laufen…„. Dass kein Schild auf die Situation hinweist, finden sie auch nicht gut. Aber „So ist es nun mal,… der Kanal wird kaum befahren,… „
An dieser Stelle sei noch vermerkt, dass die Durchfahrthöhe an manchen Brücken, vor allem an drei Brücken in Ath, recht gering ist (Wasserkarten Information: 3,60m). Dank der niedrigen Wasserstände müssen wir das Cabrio nicht legen. Es hat auch etwas gutes ;-).
Nach acht Stunden finden wir den netten, ruhigen und empfehlenswerten Liegeplatz von Ladeuze.
Letztes Ereignis des Tages ist ein aus der Schleuse „21“ gefischtes Fahrrad. Glücklicherweise haben wir es nicht berührt.
Von Ladeuze aus trennen uns nur noch 10 km vom grossen Kanal. Nur noch ? Auf dem Weg gilt es noch 14 Schleusen und einige Hebebrücken zu überwinden. Das Letzte der 5 Teams begleitet uns auch hier. Manuell bediente Schleusen haben immer noch ihren Charme. Es kommt leicht zum Gespräch und man hat Zeit zum Putzen.
Insgesamt sind uns auf der ganzen Fahrt von Dendermonde bis Blaton 3 Freizeitschiffe begegnet.
Nach etwa 20 km auf dem Nimy-Blaton-Peronnes Kanal legen wir um 17h im Hafen von Peronnes an, genauer gesagt an der Aussenseite der neuen „Mole“. Das Wetter verschlechtert sich. Für die nächsten Tage sind Regen und Wind angesagt. Erst am nächsten Morgen, wollen wir entscheiden, wann und wie es weitergeht.
Städte wie Dendermonde und Geraadsbergen sind einen Halt wert. Trotz schlechter Wasserqualität und recht alten, aber gut funktionierender Schleusen lohnt sich die Fahrt über die Dender und den Blaton-Ath-Kanal . Die Begleitteams sind nett, sie lieben ihre Arbeit und stehen der Automatisierung und Fernbedienung der Schleusen und Brücken kritisch gegenüber. „Aber bis dahin sind wir in Rente,…„.
Es ist nicht unsere erste Fahrt auf der Seeschelde, also im Gezeitengewässer. Bei unserer letzten Fahrt 2021 von Klein Willebroek nach Gent, sind wir zunächst über die Rupel flussabwärts zur Schelde gefahren, um dann anschliessend flussaufwärts nach Gent zu gelangen.
Dieses Mal wählen wir den einfacheren Weg über die Seeschleuse Wintam. So umgeht man das auflaufende Wasser auf der Rupel, was zu einer zusätzlichen Verlängerung der Reise beiträgt.
Die Gezeitentabelle sagt uns, dass am 16. Mai um 13h28 in Antwerpen Niedrigwasser ist. Hochwasser wird gehen 19h05 erreicht.
An der Schleuse Wintam ist der Wasserstand 34 Minuten später erreicht. Um auf der rund 30km langen Strecke möglichst lange die maximale Strömung des auflaufenden Wassers nutzen zu können, entscheiden wir uns 3h nach Niedrigwasser in Antwerpen (oder 3h vor Hochwasser!) loszufahren.
Die Fahrt von Klein Willebroek bis zur Schleuse dauert etwa eine Stunde. Wir haben Glück und müssen nur eine Viertelstunde auf drei Frachter warten.
Wir verlassen die Schleuse um 16h40, was ungefähr unserem Plan entspricht. Dann geht es bei sehr geringem Berufsverkehr „in einem Rutsch“ bei durchschnittlich 13,5 km/h in Richtung Dendermonde.
Kurz nach 19 h erreichen wir die Schleuse Dendermonde. Sie wird während der Woche von 6h bis 22h bedient (am Wochenende von 10h-18h). Als wir den Schleusenwärter über UKW Kanal 20 mehrmals anrufen, erhalten wir keine Antwort.
Hier zeigt sich wie so oft die Nützlichkeit der App „Waterkaarten“. Dort finden wir eine Handynummer, mit der wir den Schleusenwärter erreichen. Nachdem der Schleusenwärter überprüfen konnte, dass wir angemeldet sind und die Maut-Gebühr bezahlt haben, öffnet er uns das Schleusentor.
30 Minuten später legen wir im „Doppelpack“ an einem Dienstschiff der Vlaamse Waterweg nahe Dendermonde an, da es sonst keinen freien Platz am Passantensteg gibt. Wir bleiben in Dendermonde bis Montagmorgen.
ZUSAMMENFASSUNG:
10/ Klein Willebroek > Dendermonde: 36km, 2 Schleusen, 4,5Mh, 4,5h