2020 #5 Alte Geschichten 2014

Sehen wir mal von 2020 ab, sind wir seit 2014 jedes Jahr von Mitte April bis Mitte Oktober mit dem Boot unterwegs.

Seit unserer ersten Reise gehört ein Fotoapparat zur Grundausstattung des Bootes. Hier ein paar Erlebnisse, an die wir uns oft erinnern. Fangen wir also mit 2014 an.

Wir leben seit langer Zeit in Frankreich und haben dort unseren Wohnsitz. Da wir keinerlei Erfahrung haben mit den rechtlichen Vorschriften der Boots- und Funkregistrierung, suchen wir die einfachste Lösung. Also, eine niederländische Flagge. Im November 2013 informiert uns Linssen-Yachts, dass dies in unserem Falle nicht möglich ist, da die niederländischen Telekommunikationsbehörden die französische CRR Lizenz nicht anerkennt. Also, …da wir in der Familie eher deutsch sprechen, war es naheliegend unter deutscher Flagge zu fahren. Aber,… Wir leben in Frankreich, sind dort angemeldet und zahlen dort unsere Steuern. Daher entschieden wir uns am Ende für die „Tricolore“ als Pavillon.

Einfach? nicht so einfach! Die erste Frage sie sich uns stellt, See oder Binnenanmeldung? … um es kurz zu sagen: es handelt sich um eine reine Steuerfrage. Wir entscheiden uns für 

  1. eine „Carte de circulation de bateau de plaisance de navigation intérieure“ in Paris : E99912 F.
  2. Aber damit nicht genug. Das Schiff wiegt mehr als 10 000kg. Also braucht man noch ein „Certificat d’immatricualtion du bateau“ und eine „Inscritption de droit réels“ im französische Handelsregister (!).
  3. Da wir das Boot in den Niederlanden gekauft haben aber unter französischer Flagge fahren werden, muss noch die Mehrwertsteuer in Frankreich bezahlt werden. Dafür braucht man ein „Certificat d’acquistion d’un véhicule terrestre à moteur (), aéronef (), bateau (x) en provenance de l’union européenne par une personne non identifiée à la TVA“
  4. Für den UKW (VHF) Funkverkehr braucht man dann noch persönlich ein „Certificat restreint de ratiotéléphoniste du service mobile maritime (short range certificate)“
  5. und für das Boot eine „Licence de station de navire“
  6. ohne zu vergessen, einen „Permis de conduire de bateau de plaisance à moteur“ braucht man natürlich auch.

Im April 2014 könnten wir unser Boot in für die Ostertour in Empfang nehmen. Wir sind überglücklich, dass es jetzt endlich soweit war. Aber so einfach soll es nicht sein! 

Unsere „New Classic Sturdy“ ist alles andere als „klassisch“ in Bezug auf Ihre Konstruktion.

// NB: Auch heute noch sind wir nicht nur mit dem „klassischen Stil“ sehr zufrieden, auch das Boot hält was es verstricht! Es ist, aus unsere Sicht, nur zu bedauern, dass Linssen’s heutige Kunden eher den, sagen wir schlichteren, Look bevorzugt.//

Die Werft lässt uns die Ostertour mitmachen, möchte das Schiff aber wieder in die Werft nehmen, um einige Verbesserungen vorzunehmen. Womit wir natürlich einverstanden sind. Allerdings wirft dies unsere Pläne etwas durcheinander. Aber wie sagt man hier: „un bien pour un mal“.  Das Linssen – Team zeigt sich hier sehr professionnel und transparent. 4 Wochen später ist es dann endlich soweit, aber,….

Da unser Schiff unter französischer Flage fährt, muss es mindestens für drei Monate und 25 Motorstunden in Frankreich unterwegs sein, bevor man sich frei in Europa bewegen darf.

Also, auf nach Frankreich, und warum nicht gleich nach Paris! Wir müssen ja die „Taxe à valeur ajoutée“, TVA, noch bezahlen. 

Kurz nach der niederländisch-belgischen Grenze, direkt nach der Schleuse von Lanaye, werden wir von einem belgischen Polizeiboot zum Anlegen (an deren Schiff!) aufgefordert.  Französische Freizeitschiffer sieht man nicht jeden Tag hier, … eine gute Gelegenheit in der wallonischen Provinz französisch zu sprechen,….  Nach gut 30′ sind die freundlichen Polizisten zufrieden: alles in Ordung: Ausweise, Dokumente, Sicherheitsausrüstung.  „Deutsche Gründlichkeit“ sagen sie zum Abschied. … Auf nach Paris.

Da wir mit vielen erfahrenen Linssen Eignern geredet haben und auch gut mit Karten und Reiseführern ausgestattet sind, kann uns nichts mehr aufhalten.

Ja, da ist der Tunnel von Ham, das schwarze Loch nach Frankreich, wie wir es jetzt nennen! Dass dieser Tunnel keine Beleuchtung hat, merken wir erst als wir 20m drin sind. Sicherlich der Tunnel ist nicht sehr lang (~600m), aber er ist eng und das helle Licht am Ausgang blendet sehr. Schon wieder steigt die Pulsfrequenz für 15′. Dann ist es geschafft. 

Im allgemeinen sind die Schleusen in Frankreich auf den alten Kanälen etwa 5m breit, die Durchfahrthöhe unter Brücken beträgt 3,50m. Für den Tunnel haben wir natürlich unser Capro abgebaut. Da das Wetter wechselhaft ist und wir keine Sonnenanbeter sind, wollen wir das Caprio so schnell wie möglich wieder aufbauen. 

In Vireux-Wallerand bietet sich dort eine gute Möglichkeit am Kai.  Polizei, Tunnel …. „aller guten Dinge sind 3„. 

Plötzlich, ein grosser Stoss und Krach unter dem Boot. Ein dicker Asst mit Gablung und Wurzel in der Schraube wie sich später feststellen sollte. Wir haben Glück, die Strömung ist nicht sehr stark, wir sind schon nah genug am Ufer und können eine Leine ans Land werfen. Hilfe ist sofort vor Ort.

Die Hafenmeisterin ist sehr hilfsbereit, kennt jeden in der Ecke und findet zwei Taucher, die gerne helfen wollen.  Es kostet einige Arbeit und Zeit, den Baumstamm samt Wurzeln und Asstgabeln unter dem Boot zu zerschneiden. Leider ist die Schrauble leicht beschädigt und muss später repartiert werden. 

Von da ab geht alles glatt und problemlos! Wir sind glücklich und erreichen Paris ohne Schwierigkeiten. Man sollte allerdings früh am Tag in Paris ankommen. Ab 11h sind viele Touristenschiffe unterwegs. Sie fahren im Zeittakt auf der Seine hin und her, … ohne Rücksicht auf kleinere Boote. Also Vorsicht ist geboten!

Paris ist eine Reise wert“ sagt man. Wir leben seit über 30 Jahren hier. Aber die Ankunft auf dem Wasser! Unvergleichlich. 

Nachdem wir die TVA bezahlt haben, die erste Motorinspektion erledigt ist, begeben wir uns auf die Rückreise nach Maasbracht. 

Alles läuft problemlos: Wasserstand, Wetter, Schleusen, Schiff, Crew,… alles prima bis wir uns der französisch-belgischen Grenze nähern.

Wer Frankreich kennt, weiss, dass hier Streiks in den letzten 20 Jahren zwar seltener geworden sind, aber dafür (nicht zuletzt wegen der Medien und sozialen Netzwerken) gezielt, wirkungsvoll in Szene gesetzt werden.

In Givet erfahren wir, dass die kommunistische Gewerkschaft CGT die Grenz-Schleuse „Les 4 Cheminées“ seit einer Woche bestetzt hat, und dass jede Weiterfahrt auf der Maas bis auf weiteres nicht möglich ist. Ende August, zum Saisonende, sind viele, meistens, niederländische, belgische und deutsche Freizeitboote in Richtung Heimathafen unterwegs.  Auch auf der belgischen Seite sammeln sich mehr und mehr Boote an! Wie lange soll der Streik dauern? „Bis Paris nachgibt,…“ 

Wir stellen uns also auf einen längern „Stop“ ein. Die Empörung ist gross unter den Ausländern. Wie erwartet, kommen Fernsehteams aus halb Europa, um uns und die Streikposten zu filmen und Interview mit verärgerten Eignern zu machen. 

Wie so oft, wenn „alle im gleichen Boot sitzten“ entsteht eine grosse Solidarität und Kameraderie in der Bootsgemeinschaft. Wir übersetzten, andere bringen Wasser bei, andere organiseren Grillparties.  Nach nochmals einer Woche ist der Spuk zu Ende. Fast! Es dauert dann noch  fast 2 Tage bis alle Boote in beide Richtung geschleusst werden können. 

Nach der belgischen Grenze beginnt dann die Jagd auf einen freien Liegeplatzt zum Übernachten. Denn so viele Schiffe auf einmal sieht man hier selten, und leider immer seltener….

Mitte Oktober ist dann Schluss und das Warten auf die Saison 2015 beginnt. Im Winter ist dann Zeit zum Planen und zum Reparieren … der Schraube. Wo soll es hingehen?

 

 

 

 

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